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Der Composer in Residence 2026
Der chinesische Komponist Xiaoyong Chen (*1955) zählt zu den bedeutendsten Vertretern der zeitgenössischen Musik mit internationaler Ausstrahlung. Nach Studien in Peking und Hamburg bei György Ligeti entwickelte er eine eigenständige Tonsprache, die westliche und chinesische Elemente verbindet. Aber wie ist es eigentlich heutzutage ein Komponist zu sein?
Viele denken bei Komponisten an große Namen aus der Vergangenheit. Wie erklären Sie jemandem, der vielleicht noch nie ein zeitgenössisches Werk gehört hat, was ein Komponist heute eigentlich macht?
Eine gute Frage, aber auch eine wichtige. Die Tatsache ist, dass wir ein begrenztes Repertoire an klassischer Musik haben, die in den letzten Jahrzehnten entstanden ist, und dass ein Musikliebhaber in einem Leben nicht alles einmal hören kann. Wichtig für einen Komponisten ist, dass man seine Weltanschauung, sein Verständnis und seine Erfahrung durch die Beschäftigung bzw. das Komponieren in musikalische Form zum Ausdruck bringen kann. Hier geht es nicht darum, Musik quantitativ zu vermehren, sondern aus aktuellen Perspektive, um neue Ideen, neue Empfindungen, persönliche Erfahrungen mit der Tonkunst – aber auch darum, auf einer höheren Ebene seine Wahrnehmung künstlerisch zu vermitteln.
Für das Festival schreiben Sie ein neues Werk für Klavier, Kammerorchester und Pauken. Können Sie uns einen Einblick geben, wie dieses Stück entsteht?
Diese Besetzung ist zum Teil vom Festival vorgegeben. Die Pauken habe ich aus persönlichem Wunsch hinzugefügt. In den letzten Jahren fokussiere ich wieder mehr darauf, was sich innerlich im Klang passiert und wie ich diese Prozesse beeinflussen könnte, um eine neu zusammenhängende Klangwelt als ein gesamtes Bild zu schaffen.
Gibt es eine Verbindung zu Johann Sebastian Bach?
Die Musik von Johann Sebastian Bach konnte ich leider nicht in meiner Kindheit kennenlernen. Das heißt nicht, dass ich sie nicht mag – es liegt an einem historischen Grund. Ich wurde in den 50er Jahren in Beijing geboren und wuchs dort bis zum Beginn meines Musikstudiums auf. Seine Musik war in den 60er/70er Jahren nicht erlaubt, weder im Radio noch im Konzert – Musikpraxis mit ihm war null. Ich habe seine Musik erst Ende der 70er Jahre richtig kennengelernt. Ich habe danach meine musikalische Heimat in Bachs Musik gefunden – er ist mein Lieblingskomponist. Es ist ein Rätsel, aber verständlich. Seine Musik ist universell für die Menschheit und berührt meinen Geist. Ich betrachte es so: Mein Komponieren steht in einem viel engeren Zusammenhang mit Bach, auch wenn dies formell, stilistisch und analytisch schwer nachvollziehbar ist. Eine Musik über Zeitbeschränkungen, über Religionen hinweg, über regionale und kulturelle Grenzen – das ist mein Wunsch.
Sie haben in der Vergangenheit oft mit außergewöhnlichen Instrumentenkombinationen gearbeitet. Was hat Sie diesmal an der Besetzung mit Klavier und Pauken besonders gereizt?
Die Pauken sind nicht nur kräftig, sie können auch sehr farbig sein, vor allem, wenn sie in die Streichgruppe integriert und mit ihr kombiniert werden. Das Klavier hat in der klassischen Musik eine vertraute Perspektive, doch gerade die Töne im tiefen Register können besonders obertonreich wirken, fast wie ein Kirchenglocken-Effekt. Vom tiefen über das mittlere bis zum höchsten Bereich entsteht eine kristallklare, glänzende, fantasievolle, wolkenartige Klangfarbe. In Kombination mit den Streichern und den Pauken kann so eine völlig neuartige Klangwelt erzeugt werden.
Was wünschen Sie sich, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer beim Festival von Ihrem neuen Werk empfinden?
Komponisten sind nicht anders als alle Menschen – jeder ist ein Individuum. Was anders oder besonders an Komponisten ist, ist ihre spezifische Hauptbeschäftigung und Ausdrucksform: die Musik. Wenn man wissen möchte, was ein Komponist heute macht, ist der effektivste Weg, seine Musik zu erleben – den direkten Kontakt zu halten. Der Weg führt zum Konzert, aber auch dazu, mit dem Komponisten zu reden und zu fragen. Die meisten Komponisten sind erlebnisfreudig und "mutig, Risiken einzugehen". Noch etwas möchte ich betonen: Komponieren sollte nicht autonom bleiben, sondern ein Bestandteil unserer Gesellschaft sein. Wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Das Verhältnis von Komponist, Werk und Publikum ist heute anders als vor hundert Jahren. Die großen Komponisten damals konnten unsere Zeit nicht voraussehen. Als Zuhörer oder Interessierter wäre es empfehlenswert, auch ein wenig "risikobereit" zu sein. Schauen Sie mindestens einmal hin, was Komponisten heute machen – also ein "Experiment", könnte auch eine "Entdeckung" sein.
Xiaoyong Chen
15.11.2025
Mehr zum Festival unter www.bachandnow.de
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